Mein zweiter, und zumindest in Neuseeland letzter, wwoofing-Einsatz führt mich in die Nähe von Kaeo (Kerikeri) zu den Water Gardens. Kaye hat mich schon durch mehrere eMails vorgewarnt: „das Leben hier ist sehr primitiv. Wir leben in einem Bus und es gibt nur eine Ökotoilette draußen. Wir haben keinen Fernseher…“ Nach der zweiten diesbezüglichen Mail frage ich mich langsam, ob sie mich irgendwie abwimmeln will oder ob sie sich lediglich für ihren Lebensstil entschuldigen möchte. Von den DOC-Campingplätzen und Toiletten abgehärtet schreckt mich das alles jedoch nicht ab. Im Gegenteil, da scheint eine ganz andere Erfahrung auf mich zu warten.
Als wir bei den Water Gardens ankommen sehe ich zunächst nur eine nichtssagende Rasenfläche. Links steht ein gelb-grüner Bus neben einem kleinen Haus, das wohl eher eine Scheune ist. Am rechten Ende ein weiterer gelber Bus. Am Ende dieser Fläche sieht man in ein Tal und durch ein weißes Gartentor geht es bergab zu den Gärten.
Meine neue Heimat für die nächsten zwei Wochen ist der gelbe Bus, auch „Palace“ genannt, aus dem Jahr 1966. Sehr stylisch, besonders der dazu passende Gas-Herd im Inneren. Wasser gibt es aus einem Kanister, der davor auf einem kleinen Tisch platziert ist. Im Gegensatz zum „Hauptbus“ von Kaye und Chris gibt es hier keinen Holzofen, mit dem ich mir die kalten Abende verschönern könnte. Die Temperaturen sinken hier nachts empfindlich, da hilft nur noch, sich tief ins Bett einzukuscheln.
Als Chris mir die Water Gardens zeigt, führt uns der Track an ein paar bepflanzten Beeten und Bananenpalmen mit riesigen roten Blüten vorbei, durch einen Regenwald an dessen Ende Wasserlilien-Teiche auftauchen, die aussehen, als seien sie Monets Bildern entsprungen. Sehr friedlich.
Nachts schallen Kiwi-Rufe aus den Gärten zu uns hoch. Leider habe ich kein Glück, eine Nachtwanderung bleibt ohne Erfolg.
Kaye und Chris, ein Alt-Hippie Pärchen, die auf ihrer Busreise durch Neuseeland bei den Water Gardens hängengeblieben sind und diese jetzt restaurieren, da der fast 90-jährige Aubrey hierzu nicht mehr in der Lage ist und die Gärten in den letzten Jahren nicht mehr pflegen konnte, empfangen mich sehr herzlich. Ich werde durch leckeres Essen in ihrem gemütlichen Bus verwöhnt und wir verbringen jeden Tag mit sehr interessanten Gesprächen. Sie zeigen mir, wie wenig man braucht um glücklich zu sein und wie sehr sie die Natur Neuseelands lieben.
Meine Aufgabe besteht darin, Chris bei seinen täglichen Arbeiten im Garten zu unterstützen. Da er sich selbst ziemlich schnell langweilt, ist das sehr abwechslungsreich und jeden Tag eine Überraschung. Ich streiche Zäune, pflanze Ableger von diversen Pflanzen ein (die wir schon mal bei einem Raubzug durch Nachbars Busch einsammeln), sammel Schafs-Kaka für den Kompost, säubere Beete und Tracks, helfe beim schaben eines Schafsfells (das dazugehörige Schaf musste eine Woche vor meiner Ankunft dran glauben und hat sehr lecker, jedoch auch sehr schafig, geschmeckt…), unterstütze sie ein bisschen beim Aufbau ihrer Webseite und und und…
Bezahlt werden die beiden übrigens für Ihre Bemühungen nicht. Sie leben von den Einnahmen des Eintrittsgeldes zu den Water Gardens von $6 pro Person und vom Verkauf von Chris Flex Creatures.
Alles in Allem zwei sehr interessante Wochen, die mir viel zum Nachdenken geben!
Meine weitere Zeit im Northland ist ziemlich verregnet. Winterless North heißt wohl nicht, dass es nicht nasskalt sein kann, wie ich leider feststellen musste. So mache ich lediglich eine Bustour zum Cape Reinga und 90 Mile Beach, anstatt einer mehrtätigen Wanderung. Diese ist glücklicherweise durch einige Regenpausen unterbrochen, so dass sogar noch Sandboarden möglich ist.
Aufgrund der andauernden Regenfälle habe ich daher Fiji um eine Woche vorgezogen und werde dort jetzt doch zwei anstatt einer Woche verbringen, was zwar ein ziemliches Loch in mein Budget reisen wird, aber noch mehr Regen vertrage ich wirklich nicht.
Da also meine Zeit in Neuseeland zu Ende geht, ist an dieser Stelle wohl ein kleines Resümee fällig.
Neuseeland bietet auf einem doch relativ kleinen Platz soviel Vulkane, Gletscher, Wasserfälle, Seen, Berge, Fjorde, Höhlen, einsame Strände und Wälder, dass die Sinne nach einer gewissen Zeit wie berauscht sind. Aus diesen vielen wunderschönen Plätzen Highlights herauszupicken fällt mir daher ungemein schwer. Es ist jedenfalls kein Wunder, dass die Neuseeländer ihr Land lieben und versuchen diese Natur so weit wie möglich zu schützen.
Man kann hier alles machen, was das Sportlerherz begehrt: Klettern, Wandern, Surfen, Snowboarden, Tauchen, Fischen, Segeln und die Adrenalin-Junkies kommen natürlich auch voll auf ihre Kosten. Von Skydiven, Bungee-Jumping, Canyoning und allem möglichen mehr, ist hier alles zu finden.
Hinzu kommt die unglaubliche Freundlichkeit der Kiwis. Ich habe durchweg nur aufgeschlossene und hilfsbereite Neuseeländer kennengelernt, die immer für eine Unterhaltung aufgelegt waren.
Doch es gibt, wie sollte es anders sein, auch eine kleine negative Seite.
Nachdem mich die, zwar erwartete aber nicht vorstellbare, Einsamkeit in Neuseeland ein bisschen überrumpelt, ich sie jedoch dann in vollen Zügen, mit und ohne Weggefährten, genießen konnte, bin ich mittlerweile wieder an dem Punkt angekommen, dass mir lebhafte Großstädte und überfüllte Straßen extrem fehlen. Neuseeland wirkt zeitweise doch etwas ausgestorben. Die Großstädte sind, nach europäischen Maßstäben, doch eher als Kleinstädte zu betrachten. Während in Europa die Städte geschichtlich geprägt sind und man in manchen Ländern förmlich erwartet, dass jetzt gleich die Römer um die Ecke marschieren, fehlt dieser geschichtliche Aspekt den neuseeländischen Städten verständlicherweise. Sie sind eher zweckmäßig aufgebaut und im Großen und Ganzen eher nicht als hübsch zu bezeichnen. Der Großstadt-Flair fehlt einfach, Clubs und Diskotheken findet man äußerst selten und wenn doch, fehlt die Menschen-Menge, die eine Party erst so richtig gut macht.
Trotzdem oder auch deswegen hatte ich hier eine super Zeit. Freue mich jedoch auch auf alle kommenden Länder. Bepackt mit neuen Erfahrungen und Eindrücken mache ich mich also in zwei Tagen auf zu meiner nächsten Etappe, nach Fiji.
Alle Pics hier.
Kommentare
2 Kommentare zu „Winterless North“
Wow Deine Reiseberichte sind wie immer klasse geschrieben und so schön zu lesen 🙂 Für uns gehts morgen los, nach Haus, bin langsam nun auch etwas nervös…
Aloha, Marion
Danke dir! Ich wünsch dir nochmal sehr viel Spass zu Hause und natürlich einen ruhigen und schnellen Flug ;-).
Liebe Grüße
Anke