Südamerika im Schnelldurchlauf. Mir läuft die Zeit davon. Ich bereue, dass ich so viele Monate in der westlichen Welt verbracht habe. Diese hier ist so anders von unserer. Ich sehe auf meine leeren Hände und spüre wie voll sie sind. Ich versuche einige meiner bisherigen Erlebnisse loszulassen, um die neuen Eindrücke aufnehmen zu können in meine Schatzkiste. Versuche gegen die Reisemüdigkeit anzukämpfen, die mich seit meinem sechsten Monat auf Reisen erbarmungslos verfolgt. Ich sehe mir die Menschen hier an und sehe fremde Gesichter, die mich unverblümt anstarren. Ich starre zurück und weiß doch, dass ich nur einen winzigen Teil ihres Lebens erfahren kann.
Nach Quito geht es zunächst in den Amazonas. In einer einfachen Lodge ohne Elektrizität, nur mit kalten Duschen, werden wir von einer lokalen Community verköstigt und erhalten ein paar Einblicke in ihr Leben. Die Kommunikation mit den schüchternen Einheimischen ist schwierig und sehr zurückhaltend. Lediglich beim gemeinsamen Fußball- und Volleyball-Spiel lockert sich die Stimmung etwas auf. Ein Schamane treibt die bösen Geister aus uns. Am letzten Abend werden wir mit Gesängen und Tänzen verabschiedet. Auch wir sollen singen und tanzen, was, so unvorbereitet, eine peinliche Aktion wird. Zum Abschluss tanzen wir gemeinsam. Abwechselnd zu ihrer und unserer Musik. Ein schöner Abend, der mit Umarmungen und Danksagungen endet. So etwas hätte ich mir zu Anfang gewünscht, das hätte beide Seiten auf die gemeinsame Zeit eingestimmt.
Ecuador. Regenwald. Rafting. Tena, Banos, Cuenca. Panama Hüte. In den Bars sind nur Männer. Wir werden freudestrahlend empfangen und bekommen erst einmal einen Drink aufs Haus. Anschließend werden wir zum Tanzen aufgefordert. Salsa und Merengue stehen auf dem Programm. Gut, dass man als Frau keinen Plan haben muss, wie die Tanzschritte gehen. Die Jungs wirbeln uns über die Tanzfläche, als gäbe es kein Morgen mehr.
Lange Busfahrten muss ich über mich ergehen lassen. Die Busse sind dreckig und überfüllt. Ein gewalttätiger Film nach dem anderen wird gezeigt. Manchmal begleitet vom trällernden Radio. Wir werden gewarnt, das Handgebäck entweder auf dem Schoß oder zwischen den Beinen zu verwahren, niemals jedoch unter dem Sitz oder über unseren Köpfen in den Ablageflächen. So eingepfercht rauscht die Landschaft an mir vorbei. Ich kann meine Augen nur mühselig offenhalten. Fahrende Händler steigen ständig hinzu und verkaufen Kartoffelchips, Eis und Getränke. Der Ticketverkäufer schreit aus dem Bus und versucht neue Fahrgäste zu gewinnen. Zuweilen springt er einfach aus dem Bus. Bettler leiern ihr Schicksal herunter und versuchen ein paar Dollar zu ergattern.
Mit meiner brasilianisch-australischen Freundin Kelly sehe ich mir diverse Filme auf ihrem Laptop an, um dieses Chaos auszublenden.
Höhepunkt dieser schrecklichen Busfahrten. Im Bus Richtung Peru sind die Sitze doppelt verkauft. Wir müssen stehen. Direkt neben der Toilette, die interessante Gerüche verströmt. Eine Flüssigkeit bahnt sich ihren Weg von hier Richtung Fahrer.
Vom grünen Ecuador in die Wüste Perus. Bei der Passkontrolle wird eine unserer Vorratstüten geklaut. Nicht weiter dramatisch, aber ärgerlich.
Mancora. Eine Surferstadt. Das Meer ist jedoch absolut flach. Ich glaube meine Surferkarriere soll einfach nicht sein. Von hier geht es mit dem ersten Nachtbus nach Huanchaco. Vor dem Einsteigen müssen wir einen Fingerabdruck hinterlassen. Eine Kamera hält unser letztes Lächeln fest. Ich mache Witze darüber, um den Grund hinter dieser „Sicherheitsvorkehrung“ nicht Wirklichkeit werden zu lassen. Kelly knocked sich mit einer Schlaftablette komplett aus. Ich wache jedoch bei jedem Bremsen und Wackeln des Busses auf. Resultat schlechte Laune.
Die Pre-Inka Stätten Chan-Chan und der Mondtempel sind jedoch beeindruckend.
Lima. Eine düstere Stadt. Die Autos schlängeln sich durch die Straßen. Die Busse und Taxis sind uralt und fallen bald auseinander. Mir gefällt es für den Fahrpreis im Taxi verhandeln zu können. Weniger amüsant ist es jedoch, als das Taxi eine Reifenpanne hat. Am Straßenrand steht eines dessen Motorhaube gegen die Windschutzscheibe gedonnert ist. Wenig vertrauenserweckend.
Im Stadtzentrum werden wir von einem deutschen angesprochen. Er möchte unser Touristguide sein, als ich dankend ablehne tischt er mir eine Geschichte auf, die recht unwahrscheinlich klingt. Er sei hier beraubt worden und versuche Geld zusammen zu bekommen, um von Lima wegzukommen. Die Botschaft wäre wenig hilfreich und bräuchte sechs Wochen um die entsprechenden Formalitäten abzuschließen. Ich glaube ihm nicht und verabschiede mich prompt.
Weiter geht es nach Paracas. Besuch der Ballestas Islands. Mal wieder Pinguine, Vögel und Seehunde bewundern. Pisco Herstellung kennenlernen und testen.
Weiter nach Nasca. Beim Flug über die Nasca Lines kann ich nur die Hälfte betrachten. Dann muss ich mich extrem konzentrieren damit kein Unglück passiert.
Trostlos ist es hier. Alles ist staubig und grau. Wie können die Menschen hier glücklich sein? In ihren schäbigen Hütten. Kein bisschen grün ist zu sehen.
In Arequipa bewundern wir die schöne Architektur und ein Nonnen-Kloster. Im Colca Canyon die Schönheit der Anden. Lamas. Alpakas. Vecunas. Terrassen. Die riesigen Kondoren. Wie sie langsam ihre Bahnen im Canyon ziehen. Eine Wanderung zum nächsten Friedhof auf etwa 4000m bringt manche in Atemnot. Die dünne Luft hier oben ist zu spüren. Trockene Nasen, Lippen, Kurzatmigkeit, Kopfschmerzen. Ich komme damit klar, doch wenn man diese Dinge noch nie zuvor erlebt hat, fühlt man sich krank und unwohl. Dagegen gibt es Kokablätter und Tee.
Einheimische Kinder singen für uns. Dafür dass wir Fotos von ihnen machen dürfen, erwarten sie ein paar Soles. Beim Besuch eines Marktes habe ich plötzlich einen etwa fünfjährigen lachenden Jungen an meinen Beinen hängen. Während sein Finger in seiner Nase auf die Suche geht, fragt er nach Schokolade. Ich muss ihn enttäuschen. Dafür spiele ich mit ihm ein bisschen Fangen und wirbel ihn durch die Luft. Für ein paar Minuten lacht Zota aus ganzem Herzen. Dann verschwindet er. Andere Touristen werden um Schokolade angebettelt, die schmutzigen Patschhändchen an ihren Hosen abgewischt.
Kommentare
Ein Kommentar zu „Welcome in Southamerica“
Unglaubliche bilder, schöne bilder, die Trostlosikeit ausstrahlende bilder, fantastisch, habe alles sehr gern angecshaudt. Danke. LG. Baban